13. Februar 2009

Offener Brief des Vorsitzenden zum dpa-Umzug

Sehr geehrter Herr M.:

vielen Dank für Ihre Reaktion auf unsere Meldung. Man ahnt ja gar nicht, wer so alles die Internet-Seite des DJV-Brandenburg liest - und wie schnell!

Mir ist nicht klar geworden, was Sie mit "unsolidarischem Verhalten" meinen - wie definiert man das? "Solidarität" ist ja keine Alternative zur kritischen Vernunft. Und die muß einem nun einmal sagen, daß der DPA-Umzug höchstwahrscheinlich beschlossene Sache ist und sich - wie der "Bild"-Umzug

- ebenso höchstwahrscheinlich nicht verhindern läßt. Die Vernunft führt dann zu der Erkenntnis, daß die große nationale Nachrichtenagentur (wie überall) in die Hauptstadt gehört und nie woanders wäre, wenn es nicht die deutsche Teilung gegeben hätte. Vernünftig scheint weiter, mit dem Ortswechsel auch einen Mentalitätswechsel anzustreben, da DPA offenbar in eine Krise hineinschlittert, die durchaus mit verknöcherten Strukturen und beamtigem Denken zu tun haben.

Der DJV-Brandenburg hält da nun einmal nichts vom "alles muß bleiben, wie es ist". Wir müssen uns der unangenehmen Wahrheit stellen: Wer sich nicht ändert, geht unter. Das müssen wir auch offen nach außen sagen, denn wir müssen und wollen den fatalen Eindruck in der Öffentlichkeit beenden, daß wir - wie damals in England - verbissen den "Heizer auf der Elektrolok"

verteidigen. Ein Berufsverband macht sich lächerlich, wenn er reflexhaft gegen jede Veränderung protestiert - und die dann ohne Rücksicht auf Appelle und Resolutionen passiert. Wer so einmal als "Papiertiger" gilt, bringt nicht einmal die Dinge durch, die sonst mit Augenmaß und Klugheit zu schaffen gewesen wären - Tarifverträge oberhalb der Inflationsrate zum Beispiel.

Wenn - wie hoffentlich hier - das Unternehmen die richtigen Weichenstellungen für die Zukunft vornimmt, dann muß die Belegschaft mitziehen - Obstruktion und überzogene Forderungen sind kurzsichtig und falsch. Denn es ist das vorrangige Interesse gerade der angestellten und freien Mitarbeiter, daß es DPA auch in zehn Jahren noch gibt. Verweigerte Reformen haben schon zu viele Arbeitsplätze gekostet, als daß wir mit Protestgeschrei und falscher Solidarität in die nächste Pleite schlittern möchten.

Wir fürchten auch nicht, uns "als Interessenvertretung der Kollegen" (?) zu disqualifizieren. Im DJV-Brandenburg sind mehr als zwei Drittel Freie Journalisten Mitglieder, für die es völlig selbstverständlich ist, daß sie ihre Kunden da bedienen müssen, wo die nun einmal sind. Da erscheint die Frage, ob man - wie gerade erst bei "Bild" praktiziert - kaum mehr als einen Umzug von Hamburg noch Berlin zugemutet bekommt, vielen als ein Problem, das sie gerne hätten. Wer - wie wir - Erfahrungen in großen Industrieunternehmen (oder beim Militär) sammeln durfte, weiß, daß weniger als ein Umzug alle fünf Jahre kaum zu schaffen ist.

Ob sich Kollegen von DPA im Falle eines Umzugs für den DJV-Brandenburg entscheiden, wissen wir nicht. Nach unserer Ansicht ist ein Berufsverband nicht dazu da, seinen Mitgliedern in ihrer aktuellen Verunsicherung nach dem Munde zu reden. Das hat erst kürzlich bei "Bild" nichts genützt und scheitert wohl auch beim Sat1-Umzug nach München. Wir verstehen uns nicht als Klagemauer gegen das Unabänderliche, sondern als (Mit-) Gestalter der Zukunft - und dabei sind die Medienunternehmen nicht unsere Feinde im Klassenkampf, sondern Partner, ohne die es nicht geht.

Natürlich steht der DJV-Brandenburg gern für jede Diskussion vor Ort zur Verfügung - wo die Fetzen fliegen, ist unser Platz. Aber das weiß der informierte DJVler ja.

Beste Grüße

Hans Werner Conen

Vorsitzender

DJV-Landesverband Brandenburg e.V.

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